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vom 03.03.2011

Milch, Honig und Lamm
Biblische Kostprobe: Auf den kulinarischen Spuren von Adam, Abraham, David oder Jesus von Nazareth

Von unserem Redakionsmitglied
MATHIAS WIEDEMANN

Die erste Erkenntnis: Im Paradies ging es vegetarisch zu – „hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen“, sagte Gott zu den ersten beiden Menschen. Nach der Sintflut ist der Speiseplan dann schon etwas reichhaltiger: „Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen. Alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen. Nur Fleisch, in dem noch Blut ist, dürft ihr nicht essen.“
Das Pfarrheim in Schonungen ähnelt den meisten Pfarrheimen, es ist funktional und ein wenig trostlos – viel dunkles Holz, trübes Licht, strapazierfähige Möbel. An diesem Abend aber erfüllt Kerzenschein den Raum. Eine große Tafel ist gedeckt für 16 Personen. Reichlich Besteck an jedem Platz und eine Speisekarte wie man sie auch in einem Sterne-Restaurant erwarten würde.: Dorade auf Salzbett oder Lamm in Kräuter-Honig-Senf-Kruste auf Kürbis-Zucchini-Paprika-Relish – vermutlich bekommen das die Gäste hier nicht jeden tag angeboten.
Albrecht Garsky, Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung Schweinfurt, hat zur „Biblischen Kostprobe“ eingeladen, und wer sich darunter eine Lesung mit Fladenbrot, ein paar Oliven und einem Stück Schafskäse vorgestellt hatte, der wird aufs Angenehmste enttäuscht: Heinz-Georg Wahler, Inhaber eines EDV-Ladens in Schonungen, ist ein begnadeter Hobbykoch. Mit großer Gelassenheit präsentiert er ein spektakuläres Sechs-Gänge-Menu, das sich an den Bibelstellen orientiert, die Garsky zusammengestellt hat. Uwe Rebitzer, Diakon in Bergrheinfeld, trägt sie vor, Garsky erläutert und ergänzt sie mit einer Fülle Wissenswertem von Erkenntnissen über Ackerbau und Viehzucht in der Antike bis hin zu jüdischen Speisevorschriften. Und Wahler serviert eine kulinarische Köstlichkeit nach der anderen.
„Wenn man mal auf die Spur kommt, wird man feststellen: In der Bibel wird ständig gegessen“, sagt Garsky. Aber, auch wenn die Speisen mitunter echt detailliert aufgeführt sind, ist die Bibel kein Kochbuch. „Wir servieren nicht genau, was im Text steht. Seien Sie froh, bei Matthäus heißt es zum Beispiel einmal: Heuschrecken mit Honig waren seine Nahrung.
Und so verdanken die Gäste dem ersten und dem achtzehnten Kapitel von Buch Genesis, dass das Festmahl mit Früchten (eben aus dem vegetarischen Paradies) beginnt, gefolgt von einem Carpaccio vom Rind, wie es Abraham seinen Besuchern serviert haben könnte.
Eine Stelle aus dem Neuen Testament wiederum (Lukas 24) führt zum Fischgang: Der Auferstandene lässt sich ein Stück Fisch geben und isst es, um seine Jünger zu überzeugen, dass er nicht etwa ein Geist ist. Ob dieser Fisch so saftig und aromatisch, war, wie Wahlers Dorade mit Kräutern und Rouille-Soße, das steht nicht in der Bibel – es ist an dieser Stelle ja auch nicht wirklich das Thema.
Das Thema Fisch allerdings ist zu Jesu Zeiten in Galiläa allgegenwärtig. Der Ort Betsaida am See Genezareth heißt übersetzt Fischhausen, und in Jerusalem gibt es ein Fischtor, an dem die Händler die Ware aus dem Mittelmeerhafen Tyros verkaufen. Man weiß sogar, wie damals gefischt wurde – mit Netzen und Techniken, wie sie teilweise heute noch angewendet werden. A propos Fisch: Eine Teilnehmerin kennt die Lukas-Bibelstelle und merkt an, in der griechischen Übersetzung sei von Fisch mit geschmolzenem Honig die Rede.
Die Anweisungen für das Pessach-Fest im Buch Exodus leiten den oben erwähnten Lamm-Gang ein: „Am Zehnten dieses Monats soll jeder ein Lamm für seine Familie holen, ein Lamm für jedes Haus. Nur ein fehlerfreies, männliches, einjähriges Lamm darf es sein, das Junge eines Schafes oder eine Ziege müsst ihr nehmen. Über dem Feuer gebraten und zusammen mit ungesäuertem Brot und Bitterkräutern soll man es essen.“
Nun, Wahlers Lamm ist wahrlich fehlerfrei, und bitter sind die Kräuter auch nicht. Lamm und Ziege sind in der Antike die meistgegessenen Tiere – sie sind anspruchsloser als Rinder, Pferde und Kamele sind schlicht zu wertvoll. So entpuppt sich Gottes Forderung, dass man ihm männliche Schafe opfern möge, als ebenso praktisch wie mild: Keine Herde verträgt zu viele Böcke. „Gott sagt also, opfert mir, was ihr ohnehin nicht gebrauchen könnt“, sagt Garsky. Im Übrigen seien Opfertiere nicht einfach verbrannt worden: „Das meiste wurde gegessen, von den Priestern, die ja sonst keine Einkünfte hatten.“
Die Käseplatte beginnt mit der Geschichte eines alttestamentarischen Botengangs, der dramatische Folgen hat: David soll dem Heer der Israeliten, die den Philistern gegenüberstehen, Brot und Käse bringen. Er selbst ist noch zu jung zum Kämpfen. Und so kommt es überhaupt erst, dass er Goliath, der Kampfmaschine der Philister, begegnet.
Nur an drei Stellen in der Bibel ist übrigens ausdrücklich von Käse die Rede – aber wer etwas über Käseherstellung weiß, kann aus Umschreibungen wie „geschnittene Milch“ seine Schlüsse ziehen. Die älteste Käserei der Welt ist auf dem Gebiet des heutigen Irak gefunden worden, berichtet Albrecht Garsky. Nicht etwa in der Schweiz, wie ein Teilnehmer witzelt. Und ein anderer steuert den Slogan eines Kräuterbonbon-Herstellers bei.
Das Manna, das Gott den hungernden Juden in der Wüste schickt (Buch Exodus), ist dargestellt durch ein wunderbares Baklava. Garsky: "Da hat sich bis heute nichts geändert – wann fängt eine Reisegruppe an zu murren? Wenn das Essen nicht passt.“ Mit dem Festmahl auf dem Berg Zion (Jesaja) und so tröstlichen Stellen wie „Gott wird jede Träne abwischen“ endet das irdische Festmahl im Pfarrheim Schonungen.
Und Garsky erklärt noch einmal, warum in der Bibel so viel vom Essen die Rede ist: Das gemeinsame Mahl schafft Gemeinschaft und Zusammenhalt. So reicht die Kette der biblischen Mahlzeiten eben vom rein pflanzlichen Speisezettel des Paradieses bis hin zum Letzten Abendmahl.


drag@ 10:52 Uhr

vom 26.11.2010


Wenn Angst das Leben blockiert
Psychotherapeutin Kerstin Oppermann im Dekanatszentrum

Von unserem Mitarbeiter
MANFRED HERKER

Schweinfurt Zum Vortrag „Angst – vom richtigen Umgang mit einem starken Gefühl“ begrüßt Albrecht Garsky, Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung, als Referentin die Diplompädagogin und psychotherapeutische Heilpraktikerin Kerstin Oppermann. Sie betreibt mit ihrem Partner in Volkach den „Lebenskunst-Werkraum“, ein Zentrum für Biografiearbeit und Lebensentwicklung.

Angst beeinflusse unser Leben von der Geburt bis zum Tod, sie sei Teil unserer Biografie, so beginnt Kerstin Oppermann. „Es liegt an uns, sie anzunehmen und ihr den entsprechenden Platz zuzuweisen“. Während Emotionen wie Freude oder Liebe in der Öffentlichkeit akzeptiert würden, sei es mit Wut, Trauer oder Angst umgekehrt. Wohl weil sie uns unsicher und hilflos machen.

Natürlich sei Angst als Alarmsignal ein normaler und notwendiger Teil unseres Lebens. Doch Angst könne auch blockieren und krank machen. Dann beeinträchtigen seelische Beschwerden wie Einengung, Fixierung auf ängstliche Erwartung, Unruhe, Schlafstörungen oder verminderte Belastbarkeit unser Leben. Aber auch in körperliche Beschwerden wie Atemnot, Herzklopfen, Schwindel, Zittern, Schweißausbrüchen, Harndrang, Bluthochdruck oder Magen-Darm-Symptomen zeigt sich die Angst.

Der Angst auf der Spur
Von zentraler Bedeutung ist die Intensität der Angst: Wie schätze ich eine Bedrohung ein und wie bewerte ich die Chancen, damit fertig zu werden? Droht ein Kontrollverlust oder gelingt es mir, methodisch mit der Angst umzugehen, um wieder an mein Leistungspotenzial heranzukommen? Oppermann erwähnt die Formen von Angststörungen, ihre Behandlung durch Psychopharmaka oder Psychotherapie.

Um ihren Zuhörerinnen und Zuhörern deren eigene Ängste bewusst zu machen, bittet Oppermann sie, zuvor verteilte Bild- und Textkarten unter dem Aspekt Angst zu interpretieren. Schon hier – wie auch bei der späteren Diskussion – werden die vielen Gesichter der Angst deutlich und es treten schicksalhafte, schmerzliche Erlebnisse der Teilnehmer zutage. Leichte Angstformen, Alltagsängste seinen meist selbst in den Griff zu bekommen. Anders bei ausgeprägten Angststörungen, bei denen Selbsthilfe nicht mehr ausreicht.

Das ist dann der Fall, wenn Ängste ohne wirkliche Bedrohung auftreten, wenn sie nach Beseitigung einer realen Bedrohung andauern. Wenn sie zu lange, unangemessen, stark und zu häufig auftreten, wenn sie mit dem Verlust von Kontrolle über Auftreten und Verlauf verbunden sind. Wenn Ängste ausgeprägte Erwartungsängste zur Folge haben, zur Entwicklung von Vermeidungsverhalten führe. Wenn sie mit starkem Leidensdruck verbunden sind, das Leben vollkommen blockieren. „In solchen Fällen ist professionelle Hilfe nötig“, betont Oppermann.
Ausführlich erläutert die Referentin die vom Wiener Psychiater Victor Frankl (1905-1997) entwickelte Psychotherapie-Richtung der „Logotherapie und Existenzanalyse“. Sie leitet sich aus drei Grundgedanken ab: Freiheit des Willens, Wille zum Sinn und Sinn im Leben. Eine Methode der Angsttherapie aus dieser Schule ist die sogenannte Paradoxe Intention (widersinnige Absicht).

Strategie Paradoxe Intention
Hierbei geht es vor allem darum, die neurotische Erwartungsangst (Angst vor der Angst) abzubauen. Manche Patienten begeben sich aus Furcht vor der Angst auf die Flucht vor der Angst und meiden die Auslöser – können etwa ihre Wohnung nicht mehr verlassen.

Die Paradoxe Intention durchbricht den Teufelskreis der Angst. Die Betroffenen werden angeleitet, sich (in paradoxer Weise) gerade das zu wünschen oder vorzustellen, wovor sie sich am meisten ängstigen. Der Humor spielt dabei eine große Rolle: „Der Angst ins Gesicht lachen“. Gerade bei dieser Methode ist zunächst eine fachmännische Begleitung nötig.

Als weitere Strategie gegen die Angst nennt die Referentin die Stärkung des oft verlorenen Urvertrauens. Doch um darüber zu sprechen, reicht die Zeit nicht mehr. Auch weil an Kerstin Oppermann so viele Fragen gestellt und ihr persönliche Schicksale erzählt werden. Das ist gut und befreiend, zeigt aber auch die Notwendigkeit, sich dem Thema Angst noch ausführlicher – vielleicht in einem Seminar – zu widmen.


drag@ 10:50 Uhr

vom 28. November 2010


Ein bisschen unsterblich werden mit Kunst
Zweiter Vortrag in der Reihe „Zwischen Himmel und Erde“ der Katholischen Erwachsenenbildung

Schweinfurt „Bis vor wenigen Jahrzehnten war der Tod noch ein allgegenwärtiges Thema, doch der Jugendwahn unserer Tage hat den Tod aus dem Alltag verbannt“, konstatierte Erich Schneider in der Kunsthalle. Der zweite Vortrag unter dem Titel „Zwischen Himmel und Erde“ der Katholischen Erwachsenenbildung. näherte sich dem Thema „Tod“ diesmal von der künstlerischen Seite her.

Wie im Alltag, so sind auch in der Kunst Leben und Tod eng miteinander verknüpft. „Solange es Menschen gibt, waren sie sich ihrer Sterblichkeit bewusst“, so der Leiter der Museen und Galerien der Stadt Schweinfurt. Was lag da näher als sich mit Hilfe der Kunst ein bisschen unsterblich zu machen? Bereits lange vor Christus zeugen Münzen mit Portraits von diesem Trick der frühen Menschheit, so lange wie möglich im Gedächtnis der Lebenden zu verweilen.

Im Mittelalter war der Tod noch ein tanzendes Skelett inmitten eines Reigens und zeugt somit von der Allgegenwärtigkeit und der Verknüpfung von Tod und Leben. Der Tod hatte durch Krankheiten und Epidemien große Präsenz – auch in der bildenden Kunst. Im ausgehenden Mittelalter beschäftigte sich Albrecht Dürer auf fast schon narzisstische Weise mit sich und seinem Körper. Krankheit und Tod werden in dieser Zeit auch in der Kunst eng verbunden. So porträtiert Dürer seine Mutter auf eindringliche und berührende Weise an der Schwelle zwischen Leben und Tod.

Rubens hingegen schafft in seinen Werken eine enge Verbindung zwischen Leben, Tod und Erotik. Bilder von großen Schlachten haben im Barock Hochkonjunktur. Ende des 18. Jahrhunderts stellt Goya die Grausamkeiten der napoleonischen Krieger dar und erspart dem Betrachter dabei keine Scheußlichkeiten. Auch Hinrichtung und Kannibalismus sind für ihn kein Tabuthema.

Im 20. Jahrhundert ist die Kunst über den abstrakten Umgang mit dem Tod kaum hinausgekommen, komprimierte Erich Schneider die jüngere Vergangenheit. So sei diese Zeitepoche zwar von Katastrophen apokalyptischen Ausmaßes geprägt gewesen, doch die Schrecken des Krieges seine kaum bildhaft thematisiert worden. In diesem Jahrtausend hingegen hätten pseudowissenschaftliche Ausstellungen zum Thema Leben und Tod ein wohlig-rieselndes Spannungsgefühl beim Betrachter ausgelöst. Eine Aufgabe, die früher den Frankenstein-Filmen zugekommen sei, so Schneider augenzwinkernd.

Susanne Marquardt


drag@ 10:41 Uhr

vom 20. November 2010


Nimmermehr, nimmermehr!
Hans Driesel und Marina Klinger denken über Leben und Tod nach

Schweinfurt (ers) Hinab unter der grünen Lichtinstallation in das Untergeschoss der Kunsthalle führte der Weg zum Stelldichein mit dem „Gevatter Tod, zum Fürchten oder Totlachen“. So wollte es Albrecht Garsky für die Veranstaltung „Zwischen Himmel und Erde“, zu der die Katholische Erwachsenenbildung an diesem Abend mit Hans Driesel und Marina Klinger(Harfe) geladen hatte. Die diversen Totengedenktage im November sind prädestiniert dafür, auch unter anderen Aspekten über den Tod nachzudenken – an diesem Abend ein keineswegs nur todernsten literarischer Abend.

Das war bei der Regieführung Hans Driesels auch nicht zu erwarten. Er hatte Texte unterschiedlicher Provenienz zusammengetragen und sorgte durch deren Anordnung dafür, dass es nicht allzu düster und trostlos wurde. Schon seien augenzwinkernd und mit ganz pointierter Betonung gesungene Moritat von der Bitte um den Tod der „Alten“ spielte mit den vordergründigen Sehnsüchten so mancher Ehemänner, doch war sie ernst gemeint? Die Personifizierung des Todes als „Knochenmann“, oft in Begleitung einer jungen Frau dargestellt, soll die Endlichkeit des Menschen greifbarer und erträglicher machen. Da hat gar der Brandner Kaspar Mitleid mit dem Tod. Friedrich Nietzsche, Inbgeborg Bachmann, Kurt Tucholsky und Joseph von Eichendorff wurden zitiert, neben vielen anderen, die in ihren Werken Gedanken zum Tod formuliert hatten. Ernst und Ironie, Düsternis und Leichtigkeit lagen immer wieder dicht beieinander. Nachdenklichkeit über die eigene Endlichkeit ist das Eine, doch erträglicher wird sie beim Schmunzeln und Lachen über so manch komische Seite. Wilhelm Buschs „Eiskalte Geschichte“ über die lapidare Reaktion einer Ehefrau über den Kältetod ihres Gatten, herrlich vorgetragen von Hans Driesel, steht beispielhaft dafür. Da wird das unerschütterlich harsche „Nimmermehr!“ aus Edgar Allen Poes Geschichte „Der Rabe“ von einem Lächeln verdrängt. Zur Untermalung, Auflockerung und Beruhigung trugen die von Marina Klinger an der Harfe vorgetragenen kurzen Stücke bei. Sanft rundeten die meditativen Weisen so manch rauen und erschütternden Text ab.


drag@ 10:05 Uhr

vom 11. Juni 2010


Kirche auf dem Weg zur Wahrheit
Wunibald Müller sprach über „Sexuellen Missbrauch erkennen und verhindern“

Von unserem Mitarbeiter
MANFRED HERKER

Schweinfurt In einem von fundierter Sachkenntnis, großer Erfahrung als Psychotherapeut und Seelsorger und tiefer Menschlichkeit geprägten Vortrag sprach im vollbesetzten Gemeindesaal St. Kilian der Psychologe und Theologe Wunibald Müller. Sein brisantes Thema: „Verschwiegene Wunden. Sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche erkennen und verhindern“.
Schweigen könne etwas Schönes sein, etwa um mit sich in Berührung zu kommen, Gott zu erspüren, beginnt Müller. Verschweigen dagegen könne verheerende Folgen haben: Verschwiegene Wunden eitern vor sich hin, können nicht heilen“. Was zurzeit in der katholischen Kirche im Zusammenhang mit dem Missbrauch Minderjähriger durch Priester geschehe, sein ein Prozess, der das Verschweigen von Missbrauchswunden zu unterbrechen versuche, um sie zu heilen.
Zur Prävention von sexuellen Übergriffen ist es wichtig, sensibel und hellhörig dafür zu sein, was nach potenziellem Missbrauch „riecht“. Von sexuellem Missbrauch spricht man, wenn die sexuelle Intimsphäre einer Person überschritten wird. Von jemandem, der emotional, körperlich oder spirituell Einfluss auf diese Person ausübt.
Als Risikofaktoren für sexuellen Missbrauch im kirchlichen Bereich nennt Müller: sexuell unreife homosexuelle oder bisexuelle Männer, Personen mit Defiziten in der sexuellen Entwicklung und geringer Fähigkeit zu Intimität, negative Erfahrungen in der Kindheit, gravierende psychische Probleme, eine narzistische Persönlichkeitsstruktur. Warnzeichen sei oft eine auffallend große Nähe und häufiger Umgang mit Kindern, verbunden mit einer mangelnden Beziehung zu Gleichaltrigen.
All das könne auf Pädophilie hinweisen, Müller warnt jedoch vor voreiligen Schlüssen. Für die entscheidende Auswahl der Ordenskandidaten genüge kein oberflächliches Kennen. Ein sorgfältiger Ausleseprozess mit Einbeziehung von psychologischen Fachleuten, und gegebenenfalls auch Tests, sei und bleibe ein Muss. Die psychosexuelle Vergangenheit des Kandidaten sei zu prüfen: etwa die Frage nach seiner Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität und Identifikationsfindung (bin ich hetero-, homo- oder bisexuell?).
Einen direkten Zusammenhang zwischen Zölibat und sexuellem Missbrauch sieht Müller nicht: Wer pädophil veranlagt sein, den schütze weder der Zölibat noch die Ehe. Dennoch hält er eine Lockerung des Zölibats für notwendig. Komplizierter sei der Zusammenhang zwischen Pädophilie und Homosexualität. Nicht der homosexuelle Priester an sich sei in besonderer Weise anfällig für Pädophilie, sondern ein sexueller unreifer homosexueller Ordensmann, der seine Veranlagung nie angenommen habe. Zu dieser Vermeidungstaktik trage die Tabuisierung von Homosexualität in der katholischen Kirche zusätzlich bei.
Trotz der Entscheidung des Vatikans, in Zukunft keine homosexuellen Männer zum Priesteramt zuzulassen, plädiert Müller aus seiner Erfahrung für das Gegenteil: Die Kirche müsse ihre homosexuellen Priester und Ordensleute nicht verstecken. Auf viele von ihnen könne sie stolz sein, auf ihre ausgezeichnete Arbeit, auf ihr Charisma. Habe sich ein schwuler Kandidat ernsthaft mit seiner Sexualität auseinandergesetzt, seine Homosexualität angenommen, und erfülle er alle Voraussetzungen, die auch für einen Heterosexuellen gelten, könne er zum Priester geweiht werden. Die Diskussion über solche Fragen solle im kirchlichen Kontext einhergehen, mit der Bereitschaft, sich offener, wahrhaftiger und menschenfreundlicher mit dem Thema Homosexualität zu befassen und homosexuellen Menschen entsprechend zu begegnen.
Die erste Verantwortung der Kirche aber gelte den Opfern sexuellen Missbrauchs. Sie müssten noch mehr ermutigt werden, die ihnen zugefügten Wunden nicht länger zu verschweigen. Die Kirche müsse auf die Opfer zugehen, das Taktieren, Vertuschen, Abstreiten müsse ein Ende haben. Vieles habe sich schon zum Positiven verändert. Opfer seien im Weiteren auch Angehörige, die Mitbrüder, Mitarbeiter, die Gemeinden – doch niemand solle sich in diese Opferrolle treiben lassen.
Schließlich habe die Kirche auch den Tätern gegenüber eine Verantwortung. „Es ist ein Mitmensch, ein Kind Gottes, das der Zuwendung bedarf.“ Auch die Täter hätten Anspruch auf einen anständigen Umgang. Hilfreich sei hier die Frage: Wenn es nun mein Bruder wäre, mein Sohn? Die Täter würden an einer Krankheit leiden, die in der Regel nicht heilbar sei. Deshalb können sie nicht länger als Seelsorger tätig sein – zu einem „sozialen Tod“ durch völlige Isolation dürfe man die Täter dennoch nicht verurteilen.
Müller ist der Überzeugung, dass sich die katholische Kirche wirklich auf den Weg gemacht hat, um den Opfern sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Priester gerecht zu werden. Mit dem Ziel, solche Taten in Zukunft zu verhindern. Damit könne die Kirche allmählich ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, die ihr größtes Kapital sei.
Während Wunibald Müller bei seinen Zuhörern um Vertrauen und Unterstützung für die krisengeschüttelte katholische Kirche wirbt, fordern vor den Zugängen zum Gemeindezentrum Anhängerinnen der „Freien Christen“ die Besucher auf, wegen der ständigen Kirchenskandale aus der Kirche auszutreten.

Wunibald Müller wurde 1950 in Buchen geboren. Er studierte Theologie und Psychologie in Freiburg im Breisgau, Würzburg und Jerusalem. 1984 promovierte er mit dem Thema „Homosexualität – Eine Herausforderung für Theologie und Seelsorge“. Seit 1991 leitet er mit Pater Anselm Grün das Recollectio-Haus in Münsterschwarzach.


drag@ 12:09 Uhr

Sonntagsblatt vom 25. April 2010

Kirchenfernen die Türen öffnen
Die Krise der Kirche hält auch Chancen bereit, machte Bischof Joachim Wanke bei einem Vortrag auf Einladung der Kath. Erwachsenenbildung Schweinfurt im Pfarrheim von St. Peter und Paul den Zuhörern Mut. Die Kirche müsste den Anfragen standhalten und zur kritischen Selbstreflexion Anlass nehmen. Dafür sei vor der Verkündigung der Botschaft Jesu für Andere ein Leben nach dem Evangelium nötig. Das gilt für jeden Einzelnen, also auch für ihn, bemerkte der Erfurter Bischof selbstkritisch.

Mache die Kirche die unbegreifliche Wirklichkeit Gottes ausreichend zum Thema, fragte Wanke. Niemandem dürfe der Weg zu Gott durch die Kirche versperrt werden. Kirche sei nur das Instrument, das die Melodie Gottes spielen soll, sie sei nicht der Komponist, warnte Wanke. Ihr Auftrag sei es, Menschen in den Segen Gottes hinein zunehmen. Dazu sei es nötig, Anknüpfungsmöglichkeiten für die Botschaft Gottes heute zu erkunden. Der Ritus dürfe die Lebendigkeit Gottes nicht verstellen, Glaube nicht zur reinen Lehre verkommen. Vielmehr sei im Anderen der Anruf Gottes zu entdecken. Wanke warb für eine Grundsympathie mit allen Menschen. Besonders für die, die den Kontakt zur Kirche verloren hätten, müssten Türen wieder geöffnet werden.


drag@ 12:02 Uhr

Schweinfurter Tagblatt/Volkszeitung vom 11.3.09

Scheele ruft zu mehr Ökumene auf
Schweinfurt (kal) Einen Vortrag zur Ökumene hat der Würzburger Altbischof Paul-Werner Scheele auf Einladung des katholischen und evangelischen Bildungswerks in Schweinfurt gehalten. „In den letzten Jahrzehnten ist in der Annäherung der christlichen Kirchen mehr passiert als in Jahrhunderten zuvor“, erklärte der ehemalige Vorsitzende der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz. Als Beispiele habe Scheele die gegenseitige Anerkennung der Taufe genannt, so eine Pressemitteilung des Dekanats. Der Altbischof betonte mit Blick auf das Paulusjahr, dass die Einheit der Kirche das oberste Ziel bleiben müsse. Solange es keine Einheit der Kirche gebe, könne keine der Konfessionen die Kirche Jesu Christi „im eigentlichen Sinn“ sein. Scheele forderte alle Getauften auf, sich für die Ökumene einzusetzen.

drag@ 15:29 Uhr

Schweinfurter Tagblatt/Volkszeitung vom 24.3.09

Ein Bild von Paulus
Sensationsfund

Schweinfurt (b) Es war eine kleine Sensation, die Andreas Puchta auf einem Vortragsabend vom Katholischem und Evangelischem Bildungswerk präsentierte. Der Museumspädagoge des Germanischen Nationalmuseums entwarf ein Bild des Apostels Paulus aus archäologischen und kunstgeschichtlichen Quellen. Erst vor kurzem hatten Archäologen bei einer Grabung in einer unterirdischen Begräbnisstätte in Rom ein farbiges Bildnis gefunden, das den Völkerapostel darstellt.

Fachleute datieren die Abbildung auf die Zeit vor dem Jahr 220. Damit ist sie die älteste bekannte Darstellung. Sie zeigt einen schwarzhaarigen Mann mit Bart. Diese Darstellungsweise wurde prägend für die frühchristliche Kunstgeschichte und dürfte das tatsächliche Aussehen des Paulus wiedergeben. Da die Ergebnisse der Ausgrabung noch nicht veröffentlicht sind, waren die Zuhörer bei den ersten, die das Bild zu Gesicht bekamen.


drag@ 15:24 Uhr

Einmütigkeit statt Einheitlichkeit
Martin Ebner entwickelt: Visionen für Papstamt

HOCHFELD 11.10.04 (CPG) Provokant genug war schon die Ankündigung zur Vortragsveranstaltung der Katholischen Erwachsenenbildung im Pfarrsaal St. Peter und Paul: „Verhindert ein Papst die Ökumene?" Der Referent, Professor Dr. Martin Ebner, setzte dann noch eins drauf als er unumwunden bemerkte – „Ich könnte von mir nicht behaupten, ein Papst-Fan zu sein".

Warum, wieso ließ er dann auch die zahlreichen Zuhörer die Gründe wissen: inhaltliche Distanz zur römischen Kurie und Verärgerung über römische Dekrete. Gleichzeitig bezeichnete er den derzeitigen Papst als Charismatiker, dem es bei seinen Auftritten mühelos gelinge, ein Millionenpublikum zu aktivieren und somit Femseh-Shows locker zu übertreffen.

Das war Sprengstoff genug, ein loderndes Feuerwerk zu gründen. Aber der aus Schweinfurt stammende und derzeit an der Universität Münster lehrende Neutestamentler Dr. Martin Ebner hatte keineswegs vor, in die Rolle des eloquenten Kirchenkritikers zu schlüpfen. Vielmehr griff er auf die neutestamentlichen Texte zurück, um aufzuzeigen wie, das Petrus- oder Papstamt in der Zukunft aussehen könnte.

Trotz kritischer Vorbehalte räumte er dem Petrusamt viele Chancen ein. Als aktuelles Beispiel nannte Ebner den jüngsten Irakkrieg, gegen den ein Teil der Christenheit mit der mahnenden Stimme von Johannes Paul II. habe sprechen können. Das sei ein großer Vorteil.

In seinen kritischen Ansätzen wandte sich Ebner gegen die Machtfülle, über die eine Person im Papstamt verfüge und gegen den diffusen Machtapparat im Vatikan insgesamt. Das Petrusamt als Dienstamt zu gestalten und in Wahrheit und in der Liebe zu führen, habe der derzeitige Amtsinhaber in einem Lehrschreiben selbst gefordert. Dabei sollten, so Professor Ebner, der brüderliche Dialog und der Blick auf die Glaubenden verbindlich sein.

Ähnliches sei in den Texten der christlichen Urgemeinde hinlänglich belegt, wenn es um die beiden unterschiedlichen Apostelgestalten Petrus und Paulus gehe. Professor Ebner sprach dagegen, sich auf eine Leitfigur einschwören zu lassen. Statt Einheitlichkeit herzustellen, sollte man zu einer Einmütigkeit kommen, verlangte er. Das bedeute wiederum, eine Streitgesprächkultur zu entwickeln.

Ebner skizzierte Vorstellungen über die Ökumene. Danach sollen die christlichen Stammkirchen eine ökumenische Kirchengemeinschaft bilden, ohne in einer einzigen Gesamtkirche (Universalkirche) eingeordnet zu werden. Das erfordere eine grundlegende Bewusstseinsänderung, die sich nicht an vorgegebenen hierarchischen Strukturen orientieren könne. Das Christentum definierte er als Angebot, das Leben zu bestehen, deshalb bestehe Handlungsbedarf im Gegensatz zu einer Religion, in der man weiß, was man tun müsse.
Der Referent zeigte sich optimistisch, dass nicht erst wieder Jahrhunderte verstreichen müssen, um zu konkreten Ergebnissen zu kommen. Dafür sei die aktuelle Situation der Kirche zu brisant. Faktoren, die eine Veränderung beschleunigen, seien von außen bereits wirksam, sagte Professor Ebner. Dabei nannte er vordergründig die finanzielle Entwicklung insgesamt, die vor den Kirchen nicht Halt mache.
Bei der Begrüßung hatte Pfarrer Paul Hilbert an den 40. Gründungstag der Pfarrei St. Peter und Paul erinnert, der in diesem Jahr begangen wurde. Dazu gehöre auch der Vortragsabend mit Professor Ebner am Beginn einer dreiteiligen Vortragsreihe, die an den nächsten beiden Dienstagen (12..und 19. Oktober, jeweils 19.30 Uhr im Pfarrsaal St. Peter und Paul) fortgeführt wird mit Dr. Klaus Roos (ehemaliger Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung), der zum Thema „Welche Zukunft hat die Kirche?“ sprechen wird und Pfarrer Alfred Singer (Beauftragter der Diözese für Weltanschauungsfragen), der über die Herausforderung der Gemeinden über Esoterik, Mystik und fernöstliche Religionen referieren wird.


drag@ 13:51 Uhr

Schweinfurter Tagblatt vom 21.05.04


Mut für ein befreites Leben
Der Theologe Dr. Eugen Drewermann interpretierte das Johannes-Evangelium

Von MANFRED HERKER

Die katholische Kirche wollte ihn mundtot machen, suspendierte ihn vom Priesteramt. Doch Dr. Eugen Drewermann, der wohl bekannteste Theologe der Gegenwart, hat überall seine eigene Gemeinde. Auch in Schweinfurt: Auf einer Veranstaltung der Katholischen Erwachsenenbildung und des Evangelischen Bildungswerkes im ausverkauften Evangelischen Gemeindehaus lauschte eine ökumenische, Frauen dominierte, Zuhörerschaft seiner packenden Zwei-Stunden-Predigt. Denn Grundlage der mit „Denn der Geist weht, wo er will“ überschriebenen Ansprache sind die in „Wortgottesdiensten“ in einem Paderborner Gymnasium gehaltenen Predigten, in denen Drewermann das Johannes-Evangelium interpretiert.

Danach lautet die Botschaft des Johannes: Zu sich selbst finden kann nur, wer auf ein Gegenüber trifft, das ihn leben lässt und ihn aus reiner Güte akzeptiert. Wir Menschen bedürfen eines menschlichen Gegenübers, um unsere eigene Menschlichkeit zu finden. Unter dieser Perspektive könne unser Leben noch einmal ganz neu beginnen: durch eine befreiende Menschlichkeit.

Das Christentum sein eine Erlösungs-, ja eine therapeutische Religion, mit deren Kraft sich unsere Blickachse um 180 Grad zu drehen vermöge. Eine solch neue Betrachtungsweise sei auch, die Welt und ihre Menschen nicht länger in Gut und Böse einzuteilen. Und mit scharfen Worten geißelte Drewermann die unmenschliche Politik der amerikanischen Bush-Regierung und ihre Drohung: „Die Welt soll kennenlernen, was amerikanische Gerechtigkeit ist.“ Dazu US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld: „Die Gefangenen in Guantanamo Bay haben keinerlei Recht.“ Der Barbarei dieses Denkens setzte Jesus eine radikale Umkehr entgegen: Barmherzigkeit und Güte statt Verbreitung von Angst, Folter und Terror.

Drei Beispiele aus dem Johannes-Evangelium verdeutlichen dieses. „Die Heilung des Gelähmten“ bedeutete für uns, dem Anderen, dem Bedürftigen, in Ruhe zuzuhören, ohne ihn zu bewerten. Entscheidend sei die Frage – an uns alle: „Willst du gesund werden?“ Sie beinhalte letztlich: „Kannst du dir vorstellen, ab heute ganz anders zu leben?“ Denn der Schlüssel zu einer neuen, besseren Welt liege in jedem von uns selbst.

„Wer unter euch ohne Sünde ist“ zeigt, wie barmherzig Jesus mit der „Sünderin“ umgeht. Jesus widerspricht auch der absoluten Gültigkeit des Gesetzes, weil dann jeder Mensch daran zerbrechen würde. Die Einteilung in Gut und Böse sei eine Illusion, in Wahrheit gebe es letztlich nur irgendwo gescheiterte Menschen. „Je klarer Sie Ihr Leben sehen“, wendet sich Drewermann an seine Zuhörer, „desto schneller werden Sie erkennen, wie gefährdet auch Sie sind, schlimme Fehler zu begehen.“

Schließlich: „Wer mein Wort hält, wird den Tod nicht schauen.“ Dazu Drewermann: Alle Angst vor dem Tod sei letztlich Angst nicht geliebt und isoliert zu werden. Doch das Johannes-Evangelium antwortete: Es gibt keinen anderen Weg den Tod zu überwinden als die Liebe. Sie verneint auch die Einteilung in ein Reich der Lebenden und in ein Reich der Toten. Im Reich der Liebe seien wir – wohl mit einem gewissen zeitlichen Abstand – auf immer zusammen.?


drag@ 12:00 Uhr

 

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